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G Kl DINGE SEIA ES

a Emilie Ringseis hat bie Erinnerungen des Dr. Johann Nepomuk F Ningseis in einem dritten Band (GRegensburg und Amberg, J. Habbel. 1889. XII u. 471 ©. 8) fortgeiebt, der gerade ein Viertel PR (1825—50) umfaßt ımd wiederum bie allerwärmſie Empfehlung verdient. Unter dankbar anerkannter Deibil e von Freun⸗ den, an ertter Stelle Binder’s, ift das —— (eigene an, pr bein Zobten, Aufläpe Man. Drife ul. m.) Segleltig anfanı...

» nielt, gelichtet und im ‚ergüglicer Form verarbeitet. Tas ganze Buch,” durchmeht von inniger Liebe zum verjtorbenen Vater, von chrifili

. @eifte, von mildem Urtheil, von echtem Humor, feffelt, belehrt und er⸗ freut von der eriten bi3 zur legten Seite; auch die um Impreißhen Mit. theilungen aus dem amtlichen und ärztlich literariſchen Wirken Ringseis’ “find fo gehalten, daß fie großentheils auch dem Laien Intereſſe abges winner, Der große politifche Kinfluß, den man R. zumeilm zuge »ichrieben, wird entichieden beiteitten; R. war und blieb eben in erfter „Linie Arzt; namentlich war fein Anteil, an den traurigen Ereigniflen , der Yebten Regierungsjahre Ludwig's I. gering; auch hier wieder ericheint ber “ola-Bandel in milderm Lichte, als man gewöhnlich anzunehmen ge

t if. Das Bud) zeigt und eine lange Galerie hervorragender oder

N viel genannter Zeitgenoflen, mit denen R. in Beziehu trat: Dverbed, Diinifter v. Wallerftein, Clemens Brentano, Phillips, Savigr

die beiden Börres, „Sallmerayer u. ſ. w. Der Leptgenannte kommt ſchl i weg, von Rechts wegen. Im Uebrigen iſt die Herausgeberin in Per⸗ fonalien fehr delicat ı und fchonend, mitunter vielleicht zu fchonend, ver» fahren. Mit dem vierten Bande foll das durch und durch —2 lie⸗

begsipirdige Berk zum, Abſchluß kommen,

u.

gebaut CE F. Zi in Ubi guarial nu Beni fatie, Arien un Ih (AA)

Dr. oh. Nep. von Rringseis.

Erinnerungen

des Dr. Sohann Hepomik v. Hingseis,

gefammelt, ergänzt und herausgegeben

von Emilie Ringseis.

....-. P 9 a N Er

Eriter Band.

Zzuiit einen Porträt nah einer Photographie von Sr. Hanfftängl.

z

Regensburg & Amberg. Druck und Verlag von J. Habbel. 1886.

—M Prov. Germ. u

RS512- RSAL-

v.\

Vorwort.

ie Herausgeberin dieſer Erinnerungen hegte > ben dringenden Wunſch, das Sätularjahr der " Geburt ihres Vaters nicht vorübergehen zu

laſſen, ohne fein Lebensbild in abgerumbeter

© Geftalt in die Welt zu fenden. Weil aber innere und äußere Schwierigfeiten biefes verhinderten, fo entfchloß fie ſich vorläufig, in zwei Bänden gejammelt!) wenigftens basjenige zu bieten, was in ben Jahrgängen 1875 bis einſchließlich 1880 der hiftorifh-politifhen Blätter zerſtreut erſchienen ift?) und bezüglich ber Weiſe feiner Abfafjung bei den damaligen Lefern fi) folgender» maßen hat eingeführt:

1) Die befondere Ausdebnung des flebenten Kapitels, welches gerade in die Mitte des Ganzen fällt, machte die Theilung in zwei Bände von fehr ungleicher Größe unvermeidlich; der zweite Band wird daher bedeutend Meiner als der erſte.

2) Vd. 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 85. Ein Nachtrag der Schreiberin, welcher nunmehr Hinwegfält, erfhien in Vd. 87 und 88.

IV

„Zugend » Erinnerungen !)

des fönigl. bayer. Geheimraths Dr. Joh. Nep. von Ningseis. Aufgezeichnet

nad feinen mündlichen Erzählungen und Briefen.

Wie obiger Titel ſchon andeutet, find die nachfolgenden Berichte, mit Ausnahme von eingefchalteten Briefftellen, durch Ringseis ſelbſt weder niedergefchrieben, noch in die Feder diktirt worden, vielmehr wurden ſie ihm abgelauſcht, nacherzählt und dann bei der ſtark vorgeſchrittenen Verdunklung ſeines Augen- lichtes ihm durch wiederholtes Vorleſen unterbreitet. Mußte auch leider die Eigenart ſeines Styls hiebei mehr oder minder verloren gehen, ſo ſchien es dennoch gerechtfertigt, ja geboten, ihn ſelbſtredend einzuführen. Andererſeits iſt es bei jenem durch die Noth auferlegten Verfahren nur allzu wahrſcheinlich, daß trotz gewiſſenhaften Bemühens Irrthümer unvermerkt ſich eingeſchlichen haben. Insbeſondere wolle man etwaige Schnitzer gegen Chrono⸗ und Terminologie, Geo- und Ethnographie und mas berlei wiffenfchaftliche Graphien und Logien mehr find, nicht dem ge— lehrten Borerzäbler, fondern der ungelehrten Nachſagerin in die Schuhe ſchieben. Mande Ergänzung ward ihr durch Bericht von Zeitgenofjen, die freilich feither ſchon großentheils binübergegangen find; hat ja der Hochbetagte ſchon eine Menge feiner Schüler überlebt!

Einiges was fie gut finden wird auf eigene Fauſt, ohne Borwiflen von Ringseis und nur im Komplott mit den Herrn Redakteur zu jagen, das ſoll erfcheinen als

„Anmerfung der Schreiberin“.“

1) So hieß es anfänglih, da noch ungewiß war, ob man darüber binausgelangen werde.

V

Sieben Kapitel waren in den Blättern erſchienen, als des Greiſen bis dahin wunderbar friſches Gedächtniß durch Krankheit eine plötzliche Schwächung erlitt, nach ſeinem eigenen Ausdrucke gleichſam ſtreifig eingeriſſen wurde. Jedoch war vorher ſchon Vieles vom Weiteren ihm unterbreitet worden und da ſich Fluth und Ebbe in ſeinem Erinnern zeigte, ſo gab es der guten Stunden genug, um auch das Uebrige ihm zu Kenntniß und Betätigung vorzulegen. Nur beim dreizehnten Kapitel konnte dieß nicht mehr durchgängig geſchehen; auch ift e8 fragmentariſch geblieben, was aber ſchon der vielfach in jpätere Zeiten vorgreifende Inhalt mit fi brachte.

Verſchiedenes hat R. felber noch ergänzt ober be» tihtigt; für Manches kamen der Schreiberin alte Briefe und Aufzeichnungen von feiner Hand nachträglich zu Statten; einiges Untergeorbnete fchöpfte fie aus Briefen und Tagbüchern ihrer Mutter und ähnlichen Erinnerungs> quellen; wichtigere Lüden aber burfte fie ſich nicht erlauben aus fremdem Born zu füllen, folang R. felbftvedend ein» geführt war.

Da bie beiden Bände Alles bringen, worin Ringseis als Autobiograph ericheint, jo bilden fie ein Ganzes, auch wenn fein dritter Band abſchließend folgen follte. Iſt es der Schreiberin vergönnt, ihn nachzuſenden, jo wird es dann noch Zeit fein, über bie Weife der Abfaflung fi auszufprehen. Das aber möchte fie Schon jet bezüglich ihre Antheils an den erften zwei Bänden bemerken: Gleichwie nicht Gefchichtichreiberin von Beruf, To ift fie

VI

nit Profaiftin durch Trieb oder Anlage; die Gründe, welche fie brängten, ber vorliegenden Aufgabe ſich dennoch zu unterziehen, leuchten jo von jelber ein, daß fie darin einen mächtigen Anſpruch auf des Leſers Nachſicht zu be» figen glaubt, nochmal aber muß fie fi im Namen ihres Vaters dagegen verwahren, daß man, wie e8 gelchehen ift, ihren Styl für den jeinigen halte; die angeführten Stellen aus feinen Briefen find übrigens genügend, um den Unterſchied darzulegen.

Minden, 1885.

Emilie Ringseis.,

Bormort

2 Im

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Inhalts -Berzeihnif,

Erſtes Bapitel. Kindheit und erfte Jugend. 1785 1805.

. Schwarzhofen und Walderbad . . gm Studienjeminar zu Amberg .Rückblick auf einige Folgen der Kloſteraufhebung in Bayern

weites Kapitel. Landöhnt 1805 1812.

. Berufswahl. Lehrer und Freunde. Studentenleben Haus Savigny-Brentano 0. . Bis zur Promotion

Drittes Kapitel. Wien, Jachenan. Vohenſtrantß. 1812 —1814.

. ®ien, 1812 —1813 .. . Jackencu und Bohenftrauß .

Viertes Bari. Berlin. 1814—1815 . . .

Fünftes Bapitel. Feldzug nad Fraukreich. 1815 1816.

. Separatiftifhe Eindrüde Montargis

Paris. Abgang aus Frankreich

Durch Belgien und auf deutfchen Boren. Staatsprüfung

Sechſtes Kapitel. Erſte Münchnet · Zeit. 1816 1817. Praxis .

Separatismus

Siebentes Sapitel. Erſte Italieufahrt. 1817 1818.

.Bis zum Abgang aus Neapel . . .

. Rah Palermo uud meiter bis Selinunt . Rah Birgenti und Noto . . Rab Syratus und weiter bis Palermo . Rotmal Neapel; Päſtum, Rom .. . Aufenthalt in Rom .

Brilageu

EErſtes Kapitel. Rindheit und erne Fugen. 1785 1805.

1. Schwarzhofen und Walderbach.

Geburt und Heimath; Familie. Erfte Erinnerungen; Religiöjes; Nachbarjcaſt; Acgigtliches. Leben und Beben im Orte. Erfter Unterricht; Regensburg. Kiofterkäule in Walberbad; (eine naturgefigtliche Erfahrung).

ch kam zur Welt am 16. Mai 1785 in bem ober- pfälziſchen Marktfleden Shwarzbofen (urzweg auch Schwarzhof genannt), Landgerichts Neunburg vorm Bald im damaligen Kurfürſtenthum Bayern.

Der Ort ift anmuthig gelegen am Flüßchen Schwarzach, weldes zwiſchen Schwarzenfel3 und Nab- burg in bie Naab einmundet und von biefer ſüdwärts in bie Donau geführt wird. Ein befonderer Schmud be3 Marktes war die auf einem Granithügel thronenbe Klofterfiche der Dominikanerinen, die mit ihrer blegededten Thurmfuppel, wenn man von Amberg oder Regensburg fam, ſchon von weitem entgegen glänzte. Etwas niedriger, doch immerhin auf der Anhöhe, lag das Klofter felber, durch einen gefchlofienen Gang mit ber Kirche verbunden.

Ehedem war Neunburg in Schwarzhofen eingepfarrt, welches letztere demnach ber größere Ort fein mochte; man fönnte dieß auch fließen aus dem Umftand, daß bie

1

2 1. Kapitel. Kindheit und erfte Jugend.

Grafen von Ortenburg es im Anfang bes breizehnten Sahrhunderts, bald nah Gründung des Dominifaner- orbens, ermählten zur Stiftung obigen Klofters. Obwohl ber Ort bayerifh war, wurbe die Pfarrei noch zu meiner Zeit durch die Dominifanerinen der Reichsſtadt Negens- burg vergeben.

In den Tagen, als Konradin von Hohenftaufen ins welſche Land abging, wählte feine Mutter Elifabeth, eine geborene bayerifche Prinzeflin, dag Klofter in Schwarz hofen zu ihrem Aufenthalt. Bei der Nachricht von ber Gefangennahme ihres Sohnes brad fie von dort nad Stalien auf, um Schritte zu feiner Befreiung zu thun; bald aber warb die unglüdlihe Frau von der Kunde feines tragifchen Todes ereilt und blieb von da in Tyrol, wo fie das Zifterzienler- Klofter Stams gegründet hat.

In ber Gegend war viel vermöglicher Adel, wie bie Grafen Reifah, Taufffirden u. |. w., die Barone Karg von Winklarn und Altendorf, Sauer von Zangen- ftein, Weinbach, Murad, deren Schloß Murach einft ben mädtigen Grafen von Ortenburg gehört batte,!)

Horned von Dieterskirchen u. f.w. Die minder

wohlhabenden unter ihnen verarmten aber unter bem nachmaligen König Mar I. in Folge der neuen Beiteuerung und wohl auch eigener Ichlehter Wirthichaft. Charafteriftiich für die Gegend mwaren bie zahlreichen Eifenhämmer, fodann die Glasichleifen, deren Beſitzer

1) Der fette Murach, der in London ein luftiges Leben führte, als ihm die Kunde ward vom Zode feines böhft fparfamen Herrn Bapa, eilte nach Haufe, und fein Erſtes war, ſich in die Schat- fammer des Schlofjes führen zu lafien; er klopfte an die Fäſſer vol Silber und Gold und rief fo erzählte man —: „Freuet euch, ihr Altväter, euer Erlbſer ift gelommen!’ und er erlöfe fie fo gründlich, daß er buchſtäblich verhungernd farb; fein Schloß fiel ihm über dem Kopf zufammen.

1. Schwarzhofen und Walderbal. 3

jedoch durch die Kontinentalfperre den Abſatz ihrer Glas- tafeln nach Amerika einbüßten und ebenfallg verarmten.

Einen Reichthum und Schmud der Gegend bildeten die vielen fiſchreichen Weiher, großentheils im Beſitz ber Adeligen und Klöſter. Wenn ber große Pfrentid- weiber, der mehrere Stunden im Umfang hatte, ab- gelafien und ausgefilcht wurde, ftrömten von allen Seiten, auch aus Schwarzhofen, Kauf und Schauluftige herbei. ' Er gehörte zur Landgrafihaft Teuhtenberg und war eine Dämmung des Flüßchens Pfreimdt, (jo viel als Brent, Brenta,) nah welchem das Hauptitäbtchen Pfreimdt genannt war; auch die wunderihöne Tage des Scloſſes Leuchtenberg war ein Anziehungspunft. Viele diefer Weiher wurden feit Aufhebung der Klöfter und ihres großen Filchbedarfes troden gelegt.

Der Name meiner Familie hieß urfprünglid Rings⸗ eifen, vielleicht ein Imperativ (Ring' 's Eifen), etwa für einen Schmied, wie beren fo viele in der Gegend waren. Warum bie Enbfilbe, durch meinen Vater glaub’ ih, ift abgefchnitten worden, das weiß ih nit. Defter wurde mir erzählt, daß man meinen Großvater, Urgroß- vater u.|.w. die „PBamfen“ genannt habe vielleicht in Zufammenhang mit bem Umftand, daß die Bauern des im Landgerichte Nabburg gelegenen Dorfes Pamſen⸗ Dorf kraft alten Herkommens gewiſſe Abgaben für Schwarz boten in meinem elterlihen Haufe abliefern mußten, wie ich es ſelber miterlebt habe.!)

1) Minifterial- Rath von Schönwerth, der mit Vorzug Urtheil⸗ berechtigte, gibt eine vornehmere Deutung: Wing 's Eifen, [o- viel ald Schwing 's Eifen, könne auch einen Nitter anzeigen; die Pamſen oder Bambien feien nichts Anderes als die bambini, Snfanten, jüngeren Söhne eines Beichlechtes, fiehe „„Bifelher das Kind”. Da haben wir’s alfo, wir Ningseifen find Ritterskinder.

1*

4 1. Kapitel. Kindheit und erfte Jugend.

Mein Bater Joh. Baptift Ringseis war ber Wirth „Zum goldenen Stern‘ und wurbe, als er nur wenig über dreißig Jahre zählte, zum Kommandanten der Land⸗ wehr und ſpäter faft einftimmig zum erften Bürgermeifter erwählt; benn er war fehr beliebt und ftand in rechtem Anfehen. Auch blieb ihm das alle drei Jahre neu zu bejegende Amt bis zu feinem Qod, der ihn freilih ſchon im 42. Jahr feines Lebens ereilte. Man erzählte ih von ihm kleine ſalomoniſche Richterſprüche. Sein oft betonter Wahlipruh war: Ehrlich währt am längften.

Meine Mutter Katharina war bie Tochter. des Profurators und Marktichreibers Artmann, welder im fiebenjährigen Krieg als bayeriſcher Huſar gebient hatte. Durd feine Frau, meine Großmutter, eine Marktichreiberg- tohter aus Plattling in Niederbayern, denke ich „jeſuitenverwandt“ zu fein; benn fünf Brüber ihres Groß- vaters, des Bürgermeilters Schwarz in Neunburg vorm Wald, bei dem fie erzogen wurde, befanden ſich gleichzeitig im Orden, zum Theil auf Miffionen; einer davon, den meine Mutter noch gefannt, erzählte öfter von ben Leiden, bie er unter Bombal in portugiefiichem Gefängniß ausgeftanden, wie er 3. B. von Ratten und Ungeziefer faft aufgezehrt worden. Ich meine, es fei fogar ein anderer von den Brüdern, wo nicht zwei, im Kerker dort geftorben. Eine nahe Verwandte ber Groß- mutter batte zu Hohenfels in der Oberpfalz, von fremden Soldaten verfolgt, fich ihrer Gewalt dadurch ent- zogen, Daß fie ſich aus einem Fenfter bes Schloffes in bie Tiefe geftürzt und fo den Tod gefunden. Ich felber babe die Großmutter nicht gefannt la plus belle fille de la ville, meinten von ihr die einquartierten Franzofen, und von den vielen franzölifhen Sägen, melde fie damals gehört, hat fie ih vorzüglich den einen gemerkt, aber

1. Schwarzhofen und Walderbach. 5

ich weiß, daß fie eine erftaunliche Anhänglichfeit an das bayerifche Kurfürftenhaus im Herzen trug und oft erzählte von der unſäglichen, allgemeinen Trauer bei bem im Zahr 1777 erfolgten Tod bes Kurfürften Marimilian Joſeph ILI., der zwar ein ſchwacher, in manchen Dingen irre geleiteter Regent war, aber wegen feiner perfönlichen Herzensgüte aufs innigfte vom Volke geliebt.)) Mit ber Trauer um die PBerlönlichleit war freilih die um den erlöihenden alten Zweig des Herrſcherhauſes verbunden, unter welhem Bayern eine fo glorreiche Rolle gefpielt hatte.

Mein Bater hatte vierhundert und meine Mutter einhundert Gulden zulammt einem auf. zmeihundert ge- wertheten Sommerfeller in die Ehe gebradht und mit jener Summe und einem fleinen, von Verwandten auf- genommenen Darlehen” hatten fie eine halb in Trümmern liegende Gaftwirthichaft gefauft, die fie durch Ordnung und Sparfamfeit wieder in Stand ſetzten. Es durfte damals zwar jeder Bürger des Marktes nicht nur feinen Hausbedarf an Bier im Gemeindehaus felber brauen, ſondern auch für Gäfte ausſchenken; aber die Beherbergung von Fremden, die Veranftaltung von Feſt⸗ und Leichen- ſchmäuſen u. dgl. m. ftand nur den Wirthen zu, deren drei im Ort waren. Anfänglich beiaßen meine Eltern, denen ein faft völliger Neubau ihres Hauſes oblag, fein

Stüd Vieh; almälig machten fteigender Bebarf und |

1) Etwa fiebzig bis achtzig Jahre fpäter antwortete dem Yifarrer D. von J. ein Bauer auf die Frage nach feinem Alter: „Ich war Halt ein Bub von fieben Jahren, wie der Landesvater ge⸗ Rorben if. „Ei, meinte der Pfarrer, „während Eueres Lebens find wohl mehrere Landesväter nacheinander gelommen“ (nah Mayr Joſeph 111. noch Kurfürſt Karl Theodor, dann König Mar Joſeph I. und der damals regierende Ludwig J.). „Rein, entgegnete der Bauer, „von einem Yandespater habe ic)

feither nie mehr gehört.”

6 1. Kapitel. Kindheit und erfte Jugend.

Ertrag ber Wirthichaft den Erwerb von Vieh und Feld ſowohl nöthig alg möglich; auch eine Kleine Spezerei- und Schnittwaarenhandlung, mit welder bie Eltern meines Vaters ihm ind Haus nachgezogen waren, übernahm er nad deren Tob. Im Vergleich zur allgemeinen Kümmer- lichfeit ber Gegend wurde das Haus ein anfehnliches. „Wir haben's nicht erwirthſchaftet,“ ſagte die Mutter oft, „mas wir an Gelb in die Ehe gebradht haben, bag ift reihlih an Unterſtützung von Verwandten hinaus⸗ gegangen; es muß Gottes Segen gemwejen fein. Der Bater hatte eine durchaus großmütbige und gaftliche Aber; das Zufammenhalten des Geldes traf darum vorzüglich die Mutter, wohlthätig gegen bie Armen und gaftlich 3. B. gegen die in der Vakanz daheim weilenden Studenten des Ortes war aber aud) fie. Man rühmte fie für ihre große Wahrhaftigkeit, die fie allerdings ‚nicht binberte, mit mander Einnahme hinterm Berg zu halten, bamit ber Vater nicht zu freigebig damit verfahre, außerdem war fie befannt als tüchtige Hausfrau und ihr Gedächtniß trug ihr Beinamen ein wie die Chronif, das Regiſter, das Maufoleum letteres, weil fie einem Gebenf- buch für Verftorbene glih. Sie zeigte ſich bewandert in der bayeriichen Gefchichte, namentlich ihrer Gegend, und wenn man Näheres über Stammbäume, verwidelte Ber- wanbtichaften 3. B. wegen Stiftungsrechten, Anſprüchen auf Freipläge u. dgl. willen wollte, jo gingen Pfarrer und Magiftratsperionen zur Ringseifin. Alle Rechnungen machte fie im Kopfe, führte aber zugleich, ohne e8 gelernt zu haben, Buch über ihre ganze Wirthichaft, fo wie jie zu den Geburtstagen ihrer Kinder die treffenden Kon- ftellationen in ihr Gebetbuch eintrug. Ihr Lieblingsiprud) war: „Brave Kinder der Eltern größter Reichthum.“

1. Schwarzbofen und Walderbad. 7

Biſchof Sailer, der fie ſpäter fennen gelernt hat, ſchätzte fie jehr und fam, als er einft in Reunburg firmte, eigen? wegen ihr nah Schwarzhofen; ebenjo ſprach Cornelius, der lie bei mir in München traf, von ihr mit berzlider Achtung.

Bon zehn Kindern meiner Eltern erwuchſen nur fünf. Unter biefen war ich der ältefte, nach mir kam Sebaftian, geboren 1787, unvermählt geitorben zu Regensburg als Opfer feines ärztlihen Berufes 1814; lodann Margaretha, die ihrem Manne Trautner die übernommene elterlihe Wirthichaft zubradhte, aber nad wenigen Jahren der Ehe ftarb; Katharina, die mir in Münden bis zu meiner Berheirathung das Haus geführt bat und dann den Batrimonialgerichtshalter und Stabt- ihreiber Lehrnbecher in Rötz ehelichte , endlich Therefe, die Gattin des Joſeph Schieftl, Gymnaſialprofeſſors in Amberg, jpäter Straubing. Aus aller drei Schweitern Chen gingen Kinder hervor.

Als ih in den erften Stunden des Nepomuffeites, welches im Jahre 1785 auf Pfingftmontag traf, das Licht ber Welt erblidt hatte, da hielt die Bürgerwehr, ihrem Kommandanten zu Ehren, eine abendlihe mufifalifche Litanei vor dem Stanbbild des bi. Nepomuf auf der Schwarzahbrüde, und der frohe Vater bewirthete fie dafür im eigenen Haus, ber ruhebedürftigen Wöchnerin nicht eben zur Freude. In unjerer der Böhmengrenze be» nahbarten Gegend wie in ganz Bayern ift St. Nepomul ein vielgefeierter Heiliger; es lag alſo nah, meinen Geburtstags » Heiligen nıir auh zum Namenspatron zu geben. Das nennt man bei uns feinen Namen mit auf die Welt bringen.

Nah ihrer Geneſung löfte meine Mutter durch eine Ballfahrt nad Altötting ein Gelübde, zu dem fie in der

8 - 1. Kapitel. Kindheit und erfte Jugend.

Zeit der Erwartung durch mandherlei Beſorgniß ſich ge- drungen gefühlt hatte. Auch nad der Geburt machte ich nich durch meine Lebendigkeit bemerflih, und als ich auf etwas fefteren Beinchen ging, ſelbſt durch Raufluft. Nach⸗ dem ich einft ungehorſam gewejen, bedrohte mich meine Großmutter Ringgeilen, mit einem jo böjen Buben fei nichts zu machen, den müſſe man in die weite Welt ſchicken. Wirklich traf fie fogleih Anftalt und padte allerhand Zeug in ein Schnupftud zufammen, das fie mir auf den Rüden binden wollte; aber ih, vom Ernſt ber Sade völlig überzeugt, warf mich, um das Unglüdsränzel abzuwehren, auf den Rüden und ftrampelte der Großmutter mit den Eleinen Füßen ins Geliht und wohin ich eben traf.

Diefe Großmutter war eine herzhafte Frau. Als fie einft nädjtlicher Weile bei der Leiche einer befreundeten Perſon Wache hielt, ſchien die Leiche fich in ihrem weißen Tuh auf einmal ferzengerade aufzurichten. Die Groß- mutter verlor den Kopf nit, und was entbedte fie? Ein Huhn war in die Kammer und unter dag zudedende Leichentuch gerathen und unter bemjelben emporgeflattert, wodurch die Täufhung entfiand, als richte der Körper felber auf geifterhafte Weile fih auf.

Wiederum mar ih unartig geweſen, dba warb ih bedroht, man werde mich zu einem gewiſſen Bauern in Dienft geben, um feine ſehr böfen und gefürchteten Trut- hühner zu hüten. So oft ih nun jenen Bauern ins Haus treten fah, ergriff ich die Flucht und ließ mich möglichft lang nicht mehr bliden.

Zu meinen älteften Erinnerungen gehört es, daß id) die ächten ſchwarzen Blattern gehabt. Narben trug ich nit davon; aber heut no ift mir der eigenfinnige Jammer gegenwärtig, womit ich aus feinem anderen Glas trinfen wollte als jenem, auf welchem abgebilbet ein

1. Schwarzhofen und Walderbad. 9

Jäger auf den Hirſch anlegte; von den Blattern im Augenblid geblendet, konnt' ih den Gegenftanb meiner Bewunderung und Sehnſucht nicht fehen, aber ich beharrte dabei: „Schön Glaasl trinten !”

Einmal nahm mich die Mutter im Wagen über Land; vielleicht die erfte Reife meines Lebens. Ich hatte eine tleine Trommel umhängen. In einem Dorf fagte bie Mutter dem fahrenden Knecht, fie habe bier eine Be- forgung abzumachen und wolle dann vorangehen, er jolle nah der Fütterung des Pferdes mit dem Kleinen nach⸗ fahren. Der Knecht machte ſich den Spaß, mir vorzu- ipiegeln, die Mutter ſei auf und davon, wir Beide aber blieben nun bier an bem fremden Ort. Syn großem Schreden hierüber ftahl ich mich fort und marſchirte mit meiner Trommel die Landftraße entlang und in bie Welt hinein, die Mutter zu ſuchen. Nun war am Knecht die Reihe des Erichredens. Schnell fpannte er ein und fuhr nach ber Seite, wo man nich Kleinen Ausreißer wollte gejehen haben; zum Glüd konnte jeder Begegnende Auskunft geben über den gewaltigen Trommler, der un aufhaltiam dahin wanderte, biß das eilende Fuhrwerk mid) erreichte, bevor noch an die Mutter das Erjchreden ge- fommen war.

Sehr intereifirte ih mich für ein früher verftorbenes Brüberlein, gleich dem fpäteren Sebaftian genannt, von bem man mir erzählte, wie gefcheibt es geweſen, wie es 3. B. einft vom Großvater gehört, fie wollten miteinander in ben Himmel fteigen. „Aber wie denn, Großvater?“ ‚Run, mit einer Leiter! „Aber wo lehnen wir dann die Leiter an?" Da war denn ber Großvater ſchon am Ende feines Lateins.

Kaffee war im ganzen Ort nicht üblich, Telbft bei Bfarrer und Marktichreiber. Als einft ein Durchreifender

10 1. Kapitel. Kindheit und erfte Jugend.

in unjerer Gaftitube ſolchen trank, begehrte ich darnach in kindiſcher Ungeduld und ließ mich durch der Mutter Ver⸗ tröften nicht beſchwichtigen. Da bot mir ſchalkhaft der Fremde den ungezuderten Schwarzen Kaffee; ich ſetzte arglod an, aber obſchon ich den Trank höchſt widerwärtig fand, ließ ich in trogiger Beharrlichfeit nicht ab, bis ich die Schale geleert Hatte.

Ich war zart von Gelundheit und es wurde öfter bezweifelt, ob man mich aufbringen werde. Doch muß auch Widerftandstraft in mir geweſen fein; benn einft, als ich ſchon etwas größer war, ſpielte ih auf dem Eis; es brach ein, ich gerieth darunter, ftieß mit dem Schädel die Dede ober mir wieder durch, arbeitete mich heraus, fürchtete mich jedoch, zu Haus mein Abenteuer zu melden und trodnete ſtillſchweigend am Dfen fitend meine Kleider auf dem Leib, in Einem Zug die Feſtigkeit meines Schädels und für dießmal auch meiner Gefundheit be- weilend. Auch Nachtwandler war ich mehrere Jahre lang, wennſchon nicht auf halsbrecheriſchen Wegen.

Im Ganzen galt ich als ein ernfthaftes Kind, konnte aber dazwiſchen überihäumen von Luftigfeit und Muth- willen.

Den eriten Religionsunterriht von uns Kindern lieh fih die Mutter angelegen fein. Jeden Morgen nahnı fie weil wir im Alter ſehr verichieden waren je ein Kind einzeln vor und lehrte ung beten, das Vater unjer mit Ave Maria, den „Glauben an Gott", Morgen-, Abend» und Tiichgebet, den engliihen Gruß mit feinen drei Vorſprüchen u. dgl.m. Die größeren Kinder mußten dann vorbeten. Auch beiuchten wir täglich die heilige Meſſe.

Bor Allem wurde ung Gottes Allgegenwart und Wiſſen der heimlichften Gedanken cingeprägt, wobei denn bag ftete „Hab’ Gott vor Augen” großen Eindrud machte

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aud der liebe Schugengel und die Heiligen als Zeugen unſeres Thuns und Denkens uns dargeftellt. Strenge Schamhaftigkeit warb mit dieſer Grundlehre der All⸗ gegenwart bes Reinften und Heiligften zunächſt in Ver⸗ bindung gelegt und ebenjo eine volllommene Wahrhaftig- fit. Der Bater rühmte von der Mutter, daß er fie nie auh nur auf der geringften Unwahrheit betreten babe, und Beide äußerten oft: Wer lügt, der ftiehlt. Letzteres nahmen wir uns um fo tiefer zu Gemüth, als wir täg- id, am Rathhaus vorübergehend, dajelbft einen nur durch Gitter abgeſchloſſenen Raum wahrnahmen, in welchem in früherer Zeit man überführte Diebe und beſonders Diebinen öffentlich ausgeftellt hatte.

Wenn ich bei der Frohnleichnamsprozeſſion oder beim Umzug am Tag des Rofenkranzfeftes meinen ftattlich ge- bauten Bater als Kommandirenden des Bürgermilitärg mit der Ichräg über die Echulter gefchlungenen blaumweißen Schärpe ſah und dem glänzenden halbmondförmigen Bruft- ſchild darüber, wenn ich jah, wie er vom Balkon bes Rathhaufes herab dem Fahnenträger die Fahne reichte, dann an der Spihe feiner Truppe deren Bewegungen leitete und das Kommando zum Abfeuern der Geſchütze gab, da ſchien er mir ein gewaltiger Mann und faft der nächſte an unferem Herrgott. Aber ich jelber war auch nichts ganz Geringes, denn ich war ber Engel, welcher die Prozeſſion eröffnete, und mein Anzug war unſäglich ſchön. Auf dem Kopf ragte mir auf blonder Loden- perrüde ein hohes Diadem empor, am Rüden flatterte ein ſteifer Mantel, darunter baufchte fih ein Neifrod um mid, die Füße ftedten in farbigen Schuhen, in der Rechten hielt ih einen Stab, in der Linken einen Schild. Und in ſolchem Pomp durfte ich mehrere Jahre nacheinander dem Zug voranichreiten. Zu diefen Umzügen waren

12 1. Kapitel. Kindheit und crfte Jugend.

Gaflen und Hauptplag mit Bäumchen geziert und ber Boden mit den großen Blättern ber Nymphaea lutea beftreut. Mich freute und bewegte Alles bei biefen Ge- legenheiten auf das innigfte und ließ mir, wenngleich fi Tindifche Eitelkeiten dazwiſchen drängten, religiös rührende Eindrüde im Herzen zurück.

ALS dann mein Vater auch noch Bürgermeifter ward und unmittelbar nach erfolgter Wahl der aus Amberg gejandte Regierungskommiſſär in Uniform zu meiner, eben im Kindbett liegenden Mutter fam, um ihr Glüd zu wünſchen, da machte auch dieß mir einen gewaltigen Ein- drud von der Bedeutung meiner Eltern.

Der Stiefvater meiner Mutter, Namens Riebderer, war Marktichreiber und als folder dem Magiftrat ver- antwortlid. Obſchon nicht rehtsfundig, ging hiermit ber Bürgermeifter dem literaten Marktichreiber vor und wurbe von diefem nicht wie die anderen Bürger mit Er, fondern mit Sie angeredet. Das hat den guten Riederer manche Mühe gekoftet, dem vorgelegten Stieffhwiegerfohn gegen- über die Säße fo zu ſchrauben, daß er das Sie ver- meiden konnte. Um fo großväterlider hat er fich jpäter herzlich gefreut, wenn feine Stiefenfel mit Preifen beladen in die Ferien kamen.

Das Klofter der Dominifanerinen ftand mit meinen Eltern in vielfahem Verkehr. Die ftrenge Klaujur, die Eindrüde des Sprechzimmers, der von fern vernommene Chorgeſang, wie er z. B. um Mitternadt und 4 Uhr Früh bei der Brozeffion der Nonnen vom nörblichen Flügel in den ung nächftgelegenen öftlihen heranzog, dann durch den jüdlihen und mweftlihen fi wieder entfernte und endlih nad nodhmaligem Aufleben ſich in die Kirche ver- lor, machten ihr Recht auf Herz und Phantafie des Knaben geltend. Da bie Nonnen in ber Nähe nur Hinter ber -

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Prüftung des Sprechgitters mit tief hereinragendem Weibel oder in ber Kirche hinter den Chorgittern fichtbar waren, fo liefen öfter die Knaben und Mädchen des Ortes auf höher gelegene Punkte, über die 15 Fuß hohen Mauern nad einer im Garten arbeitenden oder wandelnden Nonne zu fpähen. Ihre Hauptmahlzeit hielten fie um 10 Uhr Dormittags, den Abendimbiß um 5 Uhr. Sie erfreuten ih großer Achtung wegen guten Geiftes und Wandels und man flüfterte fich befondere Züge der Heiligkeit biejer oder jener Klofterfrau zu.!) Weniger wollte man ein Paar jener Dominilanermönde loben, welche ihnen nach⸗ einander als Beichtväter zugetheilt waren.

Sn dem ein Stündchen von Schwarzhofen entfernten Reunburg vorm Wald war ein Franzisfanerfonvent, von wo die Batres und terminirenden Fratres öfter erichienen und gern geliehen waren. Dagegen wanderte man am Portiunfulatag und anderen Ordensfeſten zu ihren Pre- digten nach Reunburg, oder nad) dem Deirel- (au Eirel-) Berg bei dem benachbarten Pfreimdt, wo eben- jalls Franziskaner waren, oder auch in das vier Stunden entfernte Schwandorf, wo bie Kapuziner in großem Rufe der Strenge und Frömmigleit lebten und fich als Prediger außzeichneten. Auch jah man Zifterzienfer aus Walber- bach und dem großen und prädtigen Waldſaſſen, deflen Unterthanen nicht Oberpfäßer, ſondern Stiftler beißen wollten, Benebiktiner aus Reichenbach und Ensborf, Norbertiner aus Speinshart, Auguftiner

——

1) Die Dominilanerin Frau Ludovila erzählte und ihrerfeits gar Manches von ihrer heiligmäßigen Mitfchwefter in Alten⸗ bobenau am Inn, der figmatifitten Maria Columba Weigl, einer Branntweinerstocdhter aus München, geboren 1713, gekorben 1783 und verwandt mit der noch beftehenden Brannt- weiners⸗Familie Kratzer.

14 1. Kapitel. Kindheit und erſte Jugend.

aus Shönthal!) u.f.w. In den meiften dieſer Klöfter lebten Söhne meines Ortes als Mönche, fo in Walbfaffen ein Ringseifen; ein reger Verkehr mit ihnen gab dem ganzen Leben ein eigenthümliches Gepräge.

Dreimal im Jahre zogen Prozeflionen nad) auswärts, eine nad dem Mariahilfberg bei Amberg, eine nad) dem Kreuzberg bei Schwandorf, eine nad dem erwähnten Deirelberg, und maren lang im voraus und hinterbrein Gegenftand des Antheils, der Beiprehung und Erzählung. Hunderte aber pilgerten wenigſtens einmal im Leben zur Muttergotted von Altötting.

Bon Adeligen ber Umgegend ſprachen viele in unferer Gaftftube zu, einige davon verkehrten in freundichaftlich berzlicher Weife mit meinen Eltern. Einmal wurde bie ſehr ſchöne Frau von S. von einem bäuerifhen Gaft mit großem Wohlgefallen betrachtet; da fie feinen Blid auch ihre goldene Uhr ftreifen ſah, fragte fie leutfelig: „Gefällt Euch die Uhr?" „Ja,“ meinte der Bauer, „fie gefällt mir wohl, aber der Uhrkaſten noch beifer.‘

Anderthalb Stunden von Schwarzhofen waren bie fogenannten Arz-, d. i. Erzhäufer, ein Bergbau treibendes Dorf. In meinem elterlihen Haus fehrten die Bergleute öfters ein. Ihre Eriheinung, ihre Erzählungen und vielleiht noch mehr was Andere von ihnen ausfagten, wunderbare Geſchichten von ben Geheimniſſen der Erbe und dem feltfamen Leben Derer, die hineinzudringen be- rufen find, eröffneten für meine Phantafie eine Welt, in die ich mich träumend vertiefen fonnte.. Daß ih auch ſonſt mit Sagen und Geſchichten gefüttert worden, ver-

1) Aus Schönthal fam 3. 8. Bater Marcellin Sturm, belannt als Dichter etwas zu derber, aber fehr witiger Volkslieder, die er meifterbaft vortrug.

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fteht fih-in der fagenreichen Oberpfalz von felbft. Obwohl ih mid ber Einzelheiten nicht erinnere, weiß jch doch, daß außer jenen aus ältefter Zeit des Germanenthums ſtammenden Märchen, die mehr oder minder allen deutſchen Stämmen gemeinjam find, ferner den chriftlichen Legenden, noch viel erzählt wurde von den Gräueln der Hufliten und der Schweden, aber auch noch von den Schreden bes Erbfolgekrieges, insbefondere durch Trend und feine Schaaren. Geſchichtlich hervorgethan hat ſich die Pfarrei Schwarzhofen im Jahre 1704, indem aus ihr unter Kern v. Altenhbammer bei Zangenftein das erfte Fähn⸗ lein zum Kampf auszog für Kurfürft Mar Emmanuel gegen die Defterreicher, und die Erinnerung davon lebte no bei ung fort. Dagegen war in fpäterer Zeit mir ſehr merkwürdig, daß die Epoche ber Reformation wenig oder fein Gedenken ſchien binterlafien zu haben. Es famen aus Württemberg, 3. B. aus Eningen, oft mwandernde Krämer mit Seidenbändern und febrten bei meinen Eltern ein. Als ein folder daſelbſt erkrankte, im Haufe Torgfältig gepflegt und nad} eingetretenem Hin- \heiden, obwohl Proteftant, auf dem Kirchhof begraben wurde, liefen warme Dankbriefe aus feiner Heimath ein, und der Sohn bes Geftorbenen, der das Geſchäft fort- jegte, wiederholte mündlich den Dank auf das herzlichfte. Bei diefen Gelegenheiten erfuhren wir denn auch einiges Wenige vom Lutherthum; wir mußten, baß biefe Leute von der katholiſchen Kirche getrennt feien und ben Papft nit anerkennen und daß wir Jolches für fie zu bedauern haben. Später aber, als ich beim Studium der Geichichte erfuhr, wie nach dem ſchändlichen Grundſatz cujus regio ejus religio die Oberpfalz elfmal, fage elfmal gewaltiam zum Konfeflionswechjel war gezwungen worden, big unter Herzog (Kurfürft) Mar 1. die fatholiiche Religion in ihre

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alten Nechte wieder eingefegt wurde und nun bleibend die Oberhand behielt, da fiel mir auf, daß in meiner Heimath das Andenken an jene Zeit ganz ausgetilgt Ichien, da fonft das Volk doch alle wichtigen Erinnerungen, Die ſchweren bejonders, zum mindeiten in der Sage fortpflangt. Schämte ſich's, einmal nicht katholiſch, durch Zwang oder Abfall bald Lutheriih, bald reformirt geweſen zu fein? Hatte es in unferer Gegend den Wechſel nur jo äußer- lich durchgemacht, daß ihm nach bejeitigtem Drud das Wiederkatholiſchwerden ganz felbftverftändlih war? Es ift dieß gänzliche Vergeſſenhaben um jo auffallender, als es boch heutzutage noch proteftantiiche Oberpfälzer gibt, 38 im Sulzbachiſchen.) Ob in den übrigen Gegenden der Oberpfalz die Erinnerung fih aud jo ver- wiſcht hat, ift mir unbefannt.?)

Sene Württemberger wunderten fi, in ber Feniter- niſche unferes Wirthszimmers eine uralte fatholifche, mit jehr vielen Holzichnitten geihmüdte Großfoliobibel auf- liegen zu Sehen, in welcher nicht nur wir Kinder, jonbern auch die Säfte vielmal fih umfahen. Diele Bibel war das Entzüden von ung Kindern; zu Zweien fchleppten wir an bem rieligen Band, ihn uns bequem zuredt zu legen und feine Bilder zu betrachten, durch welche fich uns bie bibliſche Geſchichte ſchon einprägte, ehe wir fie noch im Zulammenhang fannten.

1) Dafelbft Iebten und leben aber auch fehr viele Juden. 2) Ein Sachkundiger bemerkt hierzu: „Allerdings fcheint das Bolf fi des Konfeſſionswechſels nicht zu erinnern. Gemiſchte Orte find Sulzbach, Vohenſtrauß, Weiden, Floß. Dort leben die Konfeffionen friedlich neben einander; die Lutheraner find bäufig erpichter auf Weihwaſſer und geweihte Dinge als die Katholiken; wären nicht die Paftoren, das Boll würde mit Leichtigkeit katholiſch.“

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Noh ein anderer Band, betitelt „Oftermärlein,‘ machte mir großen Eindrud mit feinen zwar bilderlofen, aber mir höchſt anziehenden Erzählungen»

Aus Böhmen kamen häufig Hopfenhändler, von Zeit zu Zeit legten fie in ihre Hopfenläde als angebliche Ver- ehrung Zinngeichirr aus ihrer Heimath. Da der Hopfen nah dem Gewichte ging und fehr theuer war, blieb die Aufmerkſamkeit eine zmweifelhafte, in Ganzen waren e3 gute und ordentliche Leute, Deutihböhmen; von den czehiichen galt in meiner Heimath das Sprichwort: Kommt ber Böhm’ in's Land, zittert der Nagel an der Wand. Bon weither zogen Böhmen auch bei uns duch zur Firmung nad) Regensburg, wohin fie in's Bisthum ge- hörten.

Wenn größere Kinder ausgingen und Kleinere wollten mit, fo wiejen jene fie ab mit der Rede: „Nichts da, wir gehen nah Amfterdan.‘ Das galt als die größte Entfernung und das Bebeutendfte, woran zu benfen war, vermuthlich weil in der Gegend Handel nach Holland ge- trieben wurde. Aber auch die Rede war im Schwang, wenn Jemand eiligen Schrittes ging: „Er geht durch wie ein Holländer”; woher dag rührte, ob von